- AutorIn
- Dr. rer. medic. Cornelia Hanko
- Titel
- Psychisches Befinden und postpartale Mutter-Kind-Bindung bei Frauen mit Anzeichen drohender Frühgeburt
- Zitierfähige Url:
- https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-841595
- Erstveröffentlichung
- 2023
- Datum der Einreichung
- 31.05.2022
- Datum der Verteidigung
- 18.01.2023
- Abstract (DE)
- Hintergrund: Schwangerschaftskomplikationen mit Anzeichen drohender Frühgeburt sind häufig mit langen Krankenhausaufenthalten verbunden, was nachweislich mit Ängsten, depressiven Beschwerden und erhöhtem Stresserleben einhergeht. Unklar blieb bisher, ob sich der peripartale Verlauf des psychischen Befindens dieser Frauen im Vergleich zu Frauen ohne Schwangerschaftskomplikationen unterscheidet und ob möglicherweise Unterschiede in der postpartalen Mutter-Kind-Bindung festzustellen sind. Es ist ebenfalls kaum untersucht, welche prä- und postpartalen psychosozialen Aspekte bei Frauen mit Anzeichen drohender Frühgeburt einen prädiktiven Einfluss auf die Mutter-Kind-Bindung haben. Ziel der vorliegenden Arbeit war daher, das psychische Befinden und die postpartale Mutter-Kind-Bindung bei Frauen mit Anzeichen drohender Frühgeburt im Vergleich zu Frauen ohne Schwangerschaftskomplikationen zu untersuchen. Weiterhin sollten prä- und postpartale Prädiktoren für die postpartale Mutter-Kind-Bindung bei stationär behandelten Frauen mit drohender Frühgeburt identifiziert werden. Fragestellungen: Es wurden folgende Fragestellungen untersucht: 1. Unterscheidet sich das psychische Befinden hinsichtlich Depressivität, Angst und Stresserleben in der Schwangerschaft bei Frauen mit Anzeichen drohender Frühgeburt von Frauen ohne Schwangerschaftskomplikationen? 2. Unterscheidet sich das postpartale psychische Befinden hinsichtlich Depressivität, Angst und Stresserleben in beiden Gruppen? 3. Gibt es Unterschiede im Verlauf des psychischen Befindens zwischen den beiden Gruppen? 4. Unterscheiden sich beide Gruppen hinsichtlich postpartaler Mutter-Kind-Bindung? 5. Welche Zusammenhänge bestehen bei Frauen mit drohender Frühgeburt zwischen den psychosozialen Aspekten Depressivität, Angst, Stresserleben, vorgeburtliche Mutter-Kind-Beziehung, Partnerschaftszufriedenheit und soziale Unterstützung während der Schwangerschaft und der postpartalen Mutter-Kind-Bindung? 6. Welche der prädiktiven Zusammenhänge zwischen psychosozialen Aspekten während der Schwangerschaft und der postpartalen Mutter-Kind-Bindung bleiben in einem multiplen Vorhersagemodell bestehen? 7. Welche Zusammenhänge bestehen bei Frauen mit drohender Frühgeburt postpartal zwischen den psychosozialen Aspekten Depressivität, Angst, Stresserleben, Geburtserleben, Partnerschaftszufriedenheit sowie soziale Unterstützung und der Mutter-Kind-Bindung? 8. Welche der prädiktiven Zusammenhänge zwischen postpartalen psychosozialen Aspekten und der Mutter-Kind-Bindung bleiben in einem multiplen Vorhersagemodell bestehen? 9. Welche der relevanten prä- und postpartalen Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung aus den multiplen Vorhersagemodellen bleiben in einem gemeinsamen Vorhersagemodell bestehen? Material und Methoden: In einer naturalistischen Längsschnittstudie mit zwei Messzeitpunkten (24.-36. SSW und sechs Wochen postpartal) wurden Depressivität (EPDS), Ängstlichkeit (STAI-T), Stresserleben (PSS) und die postpartale Mutter-Kind-Bindung (PBQ) von Frauen mit Anzeichen drohender Frühgeburt (N=75) sowie Frauen ohne Schwangerschaftskomplikationen (N=70) erhoben. Die Auswertung der Daten erfolgte mit Hilfe von Häufigkeitsanalysen, Varianzanalysen mit Messwiederholung sowie T-Tests für unabhängige Stichproben. Die Identifizierung von psychosozialen Prädiktoren der postpartalen Mutter-Kind-Bindung erfolgte mittels der Methode des verallgemeinerten linearen Modells. Ergebnisse: Die Patientinnengruppe zeigte während der stationären Behandlung in der Schwangerschaft sowie auch sechs Wochen postpartal signifikant höhere Werte hinsichtlich Depressivität, Ängstlichkeit und allgemeinem Stresserleben im Vergleich zur Kontrollgruppe. Während Depressivität und Ängstlichkeit im Zeitverlauf in beiden Gruppen abnahm, blieb das Stresserleben auch sechs Wochen postpartal jeweils auf dem gleichen Level wie zum ersten Messzeitpunkt in der Schwangerschaft. Hinsichtlich der postpartalen Mutter-Kind-Bindung wurden auf allen betrachteten Skalen des PBQ keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen gefunden. Für Frauen mit drohender Frühgeburt wurde weiterhin deutlich: Je höher die Ausprägungen von Depressivität, Angst und Stresserleben während der stationären Behandlung waren, desto größere Beeinträchtigungen der postpartalen Mutter-Kind-Bindung wurden nachgewiesen. Je geringer die vorgeburtliche Mutter-Kind-Beziehung und die Partnerschaftszufriedenheit waren, desto stärkere Beeinträchtigungen ergaben sich für die postpartale Mutter-Kind-Bindung. Im multiplen Vorhersagemodell konnten während der Schwangerschaft sowohl Depressivität als auch Partnerschaftszufriedenheit ihren signifikanten Einfluss bestätigen. Postpartal zeigte sich für diese Frauen: Je höher die Werte für Depressivität, Angst und Stresserleben waren, desto größere Beeinträchtigungen der Mutter-Kind-Bindung wurden ersichtlich. Je negativer das Geburtserleben und die Partnerschaftszufriedenheit wahrgenommen wurden, desto stärkere Beeinträchtigungen ergaben sich für die postpartale Mutter-Kind-Bindung. In der multivariaten Analyse konnten die postpartalen Prädiktoren Depressivität, Geburtserleben und Partnerschaftszufriedenheit ihren signifikanten Einfluss bestätigen. Von allen identifizierten prä- und postpartalen Prädiktoren konnten in einem gemeinsamen Vorhersagemodell nur die postpartale Depressivität ihre prädiktive Wirkung belegen. Schlussfolgerungen: Bei schwangeren Frauen, die aufgrund von Komplikationen stationär behandelt werden müssen, ist von einer erhöhten psychischen Belastung auszugehen. Die sollte bei allen geburtshilflichen Patientinnen zur Beurteilung einer psychosomatischen Behandlungsindikation erfasst werden. Ein generelles Bindungsproblem wurde in unserer Stichprobe von Frauen mit Anzeichen drohender Frühgeburt nicht nachgewiesen. Trotzdem können erhöhter mütterlicher Stress, Angst und Depressivität während der Schwangerschaft einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Fetus haben. Es wäre hilfreich, auch der Partnerschaftszufriedenheit und dem Geburtserleben als Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung im klinischen Alltag mehr Aufmerksamkeit zu schenken. In der Zusammenwirkung aller in dieser Untersuchung identifizierten prä- und postpartalen Prädiktoren für die Mutter-Kind-Bindung hat sich die postpartale Depressivität als am einflussreichsten herausgestellt. Insgesamt sind die Zusammenhänge zwischen den untersuchten prä- und postpartalen psychosozialen Aspekten und der Mutter-Kind-Bindung eher als schwach einzuordnen. Hier wird deutlich, dass weitere Faktoren für die Entwicklung der Mutter-Kind-Bindung von Bedeutung sind, was Gegenstand nachfolgender Forschung sein sollte.
- Abstract (EN)
- Background: Pregnancy complications with signs of threatened preterm birth are often associated with lengthy hospital stays, which have been shown to be accompanied by anxiety, depressive symptoms and increased stress level. It remains unclear, whether the peripartum course of mental health of these women differs from women without pregnancy complications and whether there may be differences in the postpartum mother-infant bonding. There is also little research on which pre and postpartum psychosocial aspects have a predictive influence on mother-infant bonding in women with signs of threatened preterm birth. Therefore, the aim of the present study was to investigate mental health and postpartum mother-infant bonding in women with signs of threatened preterm birth compared to women without pregnancy complications. Furthermore, prepartum and postpartum predictors of postpartum mother-infant bonding in hospitalized women with threatened preterm birth were to be identified. Research questions: The following questions were investigated: 1. Does mental health differ in terms of depression, anxiety and stress during pregnancy in women with signs of threatened preterm birth from women without pregnancy complications? 2. Does postpartum mental health differ in terms of depression, anxiety and stress in both groups? 3. Are there differences in the course of mental health between the two groups? 4. Do the two groups differ in terms of postpartum mother-infant bonding? 5. What are the associations between the psychosocial aspects of depression, anxiety, stress, prenatal mother-infant relationship, partnership satisfaction, and social support during pregnancy and postpartum mother-infant bonding in women with threatened preterm birth? 6. Which of the predictive associations between psychosocial aspects during pregnancy and postpartum mother-infant bonding persist in a multiple prediction model? 7. What are the associations between the psychosocial aspects of depression, anxiety, stress, birth experience, partnership satisfaction, and social support and mother-infant bonding in women with threatened preterm birth postpartum? 8. Which of the predictive associations between postpartum psychosocial aspects and mother-infant bonding remain in a multiple predictive model? 9. Which of the relevant pre- and postpartum predictors of mother-infant bonding from the multiple predictive models remain in a common predictive model? Material and methods: In a naturalistic longitudinal study with two measurements (24-36th week of gestation and six weeks postpartum), we investigated depression (EPDS), anxiety (STAI-T), stress (PSS) and postpartum mother-infant bonding (PBQ) in women with threatened preterm birth (N=75) and women without pregnancy complications (N=70). For data evaluation we used means of frequency analysis, analysis of variance with repeated measurements and t-tests for independent samples. Psychosocial predictors of postpartum mother-infant bonding were identified using the generalized linear model method. Results: The patient group showed significantly higher rates of depression, anxiety and stress during inpatient treatment in pregnancy as well as six weeks postpartum compared to the control group. While depression and anxiety decreased over time in both groups, stress remained at the same level six weeks postpartum as at the first measurement in pregnancy. We found no significant differences in mother-infant bonding between the two groups at all considered PBQ scales. For women with threatened preterm birth, it further became clear: The higher the levels of depression, anxiety and stress experienced during inpatient treatment, the greater impairments of postpartum mother-infant bonding were detected. The lower the maternal antenatal attachment and the partnership satisfaction were, the greater impairments were found for postpartum mother-infant bonding. In the multiple prediction model, both depression and partnership satisfaction confirmed their significant influence during pregnancy. Postpartum it was shown for these women: The higher the scores for depression, anxiety and stress experienced, the greater impairments in postpartum mother-infant bonding were evident. The more negative the birth experience and partnership satisfaction were perceived, the greater impairments were found for postpartum mother-infant bonding. In multivariate analysis, the postpartum predictors of depression, birth experience and partnership satisfaction confirmed their significant influence. Of all identified prepartum and postpartum predictors, only postpartum depression was able to prove its predictive effect in a common prediction model. Conclusions: In pregnant women who have to be hospitalized due to complications, an increased psychological stress can be assumed. This should be recorded in all obstetric patients for the assessment of a psychosomatic treatment indication. A general bonding problem was not found in our sample of women with threatened preterm birth. Nevertheless, increased maternal stress, anxiety and depression levels during pregnancy may have a negative impact on the development of the fetus. It would be helpful to also pay more attention to partnership satisfaction and birth experience as predictors of mother-infant bonding in clinical practice. In the interaction of all the prepartum and postpartum predictors of mother-infant bonding identified in this study, postpartum depressiveness emerged as the most influential. Overall, the associations between the investigated pre and postpartum psychosocial aspects with mother-infant bonding can be classified as rather weak. Here it becomes clear that further factors are important for the development of mother-infant bonding, which should be the subject of subsequent research.
- Andere Ausgabe
- Course of mental health and mother-infant bonding in hospitalized women with threatened preterm birth
DOI: 10.1007/s00404-019-05406-3 - Freie Schlagwörter (DE)
- Depression, Angst, Stress, Schwangerschaft, Risikoschwangerschaft, drohende Frühgeburt, stationäre Behandlung, Prädiktoren postpartale Mutter Kind Bindung
- Freie Schlagwörter (EN)
- depression, anxiety, stress, high-risk pregnancy, threatened preterm birth, hospitalized women, predictors mother–infant bonding
- Klassifikation (DDC)
- 610
- Klassifikation (RVK)
- YM 6204
- GutachterIn
- Prof. Dr. med. habil. Kerstin Weidner
- Prof. Dr. habil. Susan Garthus-Niegel
- Den akademischen Grad verleihende / prüfende Institution
- Technische Universität Dresden, Dresden
- Version / Begutachtungsstatus
- publizierte Version / Verlagsversion
- URN Qucosa
- urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-841595
- Veröffentlichungsdatum Qucosa
- 21.03.2023
- Dokumenttyp
- Dissertation
- Sprache des Dokumentes
- Deutsch
- Lizenz / Rechtehinweis
CC BY-NC 4.0- Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis Tabellenverzeichnis Abkürzungsverzeichnis 1 Einleitung 2 Theoretischer Hintergrund 2.1 Die Frühgeburt 2.1.1 Definition und Einteilung 2.1.2 Inzidenz und Ätiologie 2.1.3 Sterblichkeitsrate und Überlebensfolgen 2.2 Schwangerschaft mit Anzeichen drohender Frühgeburt 2.2.1 Stationäre Behandlungsmaßnahmen 2.2.2 Psychische Belastungen während der stationären Behandlung 2.2.2.1 Depressivität 2.2.2.2 Angst 2.2.2.3 Stresserleben 2.2.3 Auswirkungen der mütterlichen psychischen Belastung auf den Fetus 2.2.4 Zusammenfassung 2.3 Mutter-Kind-Bindung 2.3.1 Auswirkungen von Schwangerschaftskomplikationen auf die postpartale Mutter-Kind-Bindung 2.3.2 Prädiktoren der postpartalen Mutter-Kind-Bindung 2.3.2.1 Psychisches Befinden 2.3.2.2 Vorgeburtliche Mutter-Kind-Beziehung 2.3.2.3 Soziale Faktoren 2.3.2.4 Geburtserleben 2.3.2.5 Weitere mögliche Einflussfaktoren 2.4 Zusammenfassung 3 Fragestellungen und Hypothesen 4 Methoden 4.1 Untersuchungsablauf 4.2 Stichprobenbeschreibung 4.3 Untersuchungsinstrumente 4.3.1 Allgemeiner Patientenbogen und Nachbefragungsbogen 4.3.2 Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS) 4.3.3 State-Trait-Angstinventar (STAI) 4.3.4 Perceived Stress Scale (PSS) 4.3.5 Vorgeburtliche Bindung zwischen Mutter und Kind (VBMK, deutsche Übersetzung der Maternal Antenatal Attachment Scale – MAAS) 4.3.6 Partnerschaftsfragebogen – Kurzform (PFB-K) 4.3.7 Fragebogen zur Sozialen Unterstützung – Kurzform (FSOZU-K14) 4.3.8 Salmons Item List – deutschsprachige Version (SIL-Ger) 4.3.9 Postpartum Bonding Questionnaire (PBQ) 4.4 Statistische Auswertung 4.4.1 Fallzahlbestimmung 4.4.2 Statistische Analysen 4.4.2.1 Verlauf des psychischen Befindens und postpartale Mutter-Kind-Bindung 4.4.2.2 Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung 5 Ergebnisse 5.1 Deskriptive Analyse der untersuchten Variablen 5.2 Verlauf des psychischen Befindens von der Schwangerschaft zur Postpartalzeit 5.3 Postpartale Mutter-Kind-Bindung 5.4 Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung 5.4.1 Verteilung der Werte für die PBQ-Skala „Gesamtwert“ 5.4.2 Präpartale Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung während der stationären Behandlung aufgrund drohender Frühgeburt 83 5.4.3 Postpartale Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung bei Frauen mit stationärer Behandlung aufgrund drohender Frühgeburt 5.4.4 Einflussreichste Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung bei Frauen mit stationärer Behandlung aufgrund drohender Frühgeburt 6 Diskussion 6.1 Verlauf des psychischen Befindens von der Schwangerschaft zur Postpartalzeit 6.2 Postpartale Mutter-Kind-Bindung 6.3 Präpartale Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung bei Frauen mit stationärer Behandlung aufgrund drohender Frühgeburt 6.3.1 Psychisches Befinden 6.3.2 Vorgeburtliche Mutter-Kind-Beziehung 6.3.3 Soziale Faktoren 6.4 Postpartale Prädiktoren der Mutter-Kind-Bindung bei Frauen mit stationärer Behandlung aufgrund drohender Frühgeburt 6.4.1 Psychisches Befinden 6.4.2 Geburtserleben 6.4.3 Soziale Faktoren 6.5 Methodische Stärken und Einschränkungen 6.6 Schlussfolgerungen 6.7 Ausblick 7 Zusammenfassung 8 Summary 9 Literaturverzeichnis 10 Anhang Danksagung