- AutorIn
- Dr. rer. medic. Anne Juliane Körner
- Titel
- Emotionale Kompetenzen bei Menschen mit chronifizierten Schmerzen in einer schmerzspezifischen tagesklinischen Behandlung
- Zitierfähige Url:
- https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-837943
- Erstveröffentlichung
- 2023
- Datum der Einreichung
- 20.06.2022
- Datum der Verteidigung
- 12.01.2023
- Abstract (DE)
- Theoretischer Hintergrund: Obwohl jeder Mensch Emotionen erlebt, variiert interpersonell das Ausmaß dessen, in welchem Personen in der Lage sind, Emotionen zu identifizieren, zu verstehen, auszudrücken, diese zu regulieren und die eigenen Emotionen beziehungsweise die der anderen aktiv zu nutzen (Mayer et al., 2004; Mayer, Salovey, et al., 2008). In der Literatur finden sich für diese Fähigkeiten oftmals die Begrifflichkeiten „emotionale Intelligenz“ (EI) und „emotionale Kompetenz“ (EK), die teilweise auch synonym verwendet werden. Mittlerweile können beide Konstrukte differenzierter definiert werden. Beide umfassen unterschiedliche Facetten der emotionalen Fertigkeiten einer Person (Cherniss, 2010; Mikolajczak, 2009). Es zeichnet sich beim Zusammentragen der bisherigen Begriffsbestimmungen ab, dass emotionale Intelligenz das grundlegende kognitiv-emotionale Grundrüstzeug einer Person erfasst, wohingegen die emotionale Kompetenz durch die typischen emotionalen Fertigkeiten von Menschen in Alltagssituationen definiert werden kann. Die emotionale Kompetenz stellt einen wichtigen Prädiktor für Gesundheit dar (Sarrionandia & Mikolajczak, 2020). So tragen Emotionen zum chronischen Schmerzerleben bei (z. B. Caes et al., 2021). Fragestellung: Mit dieser Untersuchung sollten die Fähigkeiten zur emotionalen Wahrnehmung, Expression und Regulation bei Menschen mit chronifizierten Schmerzen genauer erforscht werden. Eine Zielstellung der Dissertation war, zu erfassen, wie emotional kompetent sich Personen mit chronifizierten Schmerzen in einer schmerzspezifischen Tagesklinik tatsächlich selbst einschätzten. Zudem wurde ein Vergleich mit der Beurteilung des psychologischen Behandlungsteams angestrebt. Es stellte sich außerdem die Frage, inwiefern die Einschätzungen der Patient*innen zur emotionalen Kompetenz mit der im Leistungstest erfassten emotionalen Intelligenz konform ging. Ziel war weiterhin zu prüfen, ob sich die emotionalen Kompetenzen während der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie (IMST) veränderten. Ferner sollte das Ausmaß des Einflusses der emotionalen Kompetenzen der Patient*innen auf die Therapieergebnisse beleuchtet werden. Methoden: Die Studie fand im Rahmen einer jeweils vierwöchigen tagesklinischen IMST an N=184 deutschsprachigen Personen (72.8% weiblich, M=50,06 Jahre) mit chronifizierten Kopf- (15%), Rücken- (52%) oder anderen Schmerzen (33%) statt. Die emotionale Kompetenz wurde mittels der Selbst-/Fremdbeurteilungsskalen des Emotionalen-Kompetenz-Fragebogens (Rindermann, 2009) ermittelt. Die daraus resultierenden normenbasierten Standardwerte wurden deskriptiv und korrelativ analysiert. Zudem wurde der Fragebogen zur emotionsspezifischen Selbsteinschätzung emotionaler Kompetenzen (SEK-ES, Ebert et al., 2012) verwendet. Überwiegend nonparametrische Signifikanztests dienten der Analyse relevanter Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdbeurteilung sowie potentieller Veränderungen der EK während folgender drei Messzeitpunkte: Therapiebeginn, Therapieende (nach vier Wochen IMST), Auffrischungswoche (zehn Wochen nach Therapieende). Die EI wurde aus Ressourcengründen an einer Subgruppe (n=47) der Gesamtstichprobe mittels des MSCEIT (Mayer-Salovey-Caruso-Test zur emotionalen Intelligenz; Steinmayr et al., 2011) zu Therapiebeginn untersucht. Zur Steigerung der Repräsentativität wurde diese als Quotenstichprobe konzipiert. Die sich aus dem EI-Test ergebenden normbasierten Emotionalen-Intelligenzquotient(EQ) Standardwerte wurden deskriptiv und korrelativ analysiert. Die Therapieerfolgsparameter Katastrophisierung (Pain Catastrophizing Scale; PCS; Meyer et al., 2008b), Schmerzakzeptanz (Chronic Pain Acceptance Questionnaire; CPAQ; Nilges et al., 2007b), Schmerzintensität und schmerzbedintgte Beeinträchtigungen (Chronic Pain Grade Questionnaire; GCPS; Klasen et al., 2004), Depressivität, Angst, Stress (Depression-Angst-Stress-Skalen; DASS; Nilges & Essau, 2015b) und Lebensqualität (Short Form 12; SF12; Morfeld et al., 2011) wurden zu allen drei Messzeitpunkten erhoben. Zur Auswertung wurde die Statistiksoftware IBM SPSS 25 genutzt. Ergebnisse: Die Ergebnisse der Studie legten nahe, dass Menschen mit chronifizierten Schmerzen in einer IMST, im Vergleich zur Normstichprobe, in der Selbst- und Fremdwahrnehmung durchschnittlich emotional kompetent waren (M_Selbstbeurteilung=99.6; M_Fremdbeurteilung=94.7). Einzige Ausnahme bildete die unterdurchschnittliche fremdbeurteilte emotionale Expressivität (Memotionale Expressivität_Fremdbeurteilung=89.1). Der Zusammenhang zwischen Selbst- und Fremdbeurteilung der emotionalen Kompetenz war gering (r=.19, p=.01). Die gesamte Fremdbeurteilung fiel im Durchschnitt deutlich niedriger aus (F(1,179)=35.73; p<.001; η2=0.17). Im Hinblick auf die emotionale Intelligenz verfügten die untersuchten Personen über ein durchschnittliches Niveau (M_EQ_gesamt=98). Es lag ein geringer Zusammenhang von emotionaler Intelligenz und emotionaler Kompetenz vor. Verlaufsmessungen zeigten keine direkten Veränderungen der selbst wahrgenommenen emotionalen Kompetenz während der IMST (M_T1=99.6; M_T2=99.3; MT3=99.7; χ2_EKF_gesamt(2)=.09; p=.956). Die von den Patient*innen wahrgenommene Häufigkeit der positiven Emotionen nahm hingegen signifikant zu (z=-5.28, p<.001, r=.40) und die der negativen Emotionen ab (z=5.17; p<.001; r=.39). Die emotionale Kompetenz der untersuchten Menschen hatte einen direkten Einfluss auf die Mehrheit der Erfolgsparameter der IMST (R2_Katastrophisierung=.23; R2_psychische Lebensqualität=.39; R2_Schmerzakzeptanz/Aktivitätenbereitschaft=.28; R2_Depressivität=.28; R2_Angst=.15; R2_Stresserleben=.32; R2_schmerzbedingte_Beeinträchtigungen=.11). Hingegen konnten die Veränderungen der Therapieergebnisvariablen im Verlauf der IMST kaum direkt durch die emotionale Kompetenz vorhergesagt werden. Schlussfolgerungen: Die untersuchten Personen mit chronifizierten Schmerzen erlebten sich selbst als durchschnittlich kompetent im Wahrnehmen, Regulieren und Ausdrücken von Emotionen. Das psychologische Behandlungsteam schätzte die emotionalen Kompetenzen der Patient*innen deutlich geringer ein. Hervorstechend war dabei die als unterdurchschnittlich wahrgenommene emotionale Expressivität. Die geringe Überlappung von emotionaler Intelligenz und emotionaler Kompetenz deutete bestätigend daraufhin, dass es sich hierbei um verschiedene Aspekte emotionaler Fertigkeiten handelte. Die Tatsache, dass sich die Häufigkeit positiver und negativer Emotionen während der Behandlung verbesserte, unterstützte die Annahme, dass sich während der Therapie implizit die emotionale Kompetenz veränderte. Die Patient*innen selbst nahmen keine Kompetenzverbesserung wahr. Der Einfluss emotionaler Kompetenzen auf eine Vielzahl der IMST Erfolgsparameter bietet Anlass, den Fokus von Forschung und Behandlung noch stärker auf die emotionalen Kompetenzen von Menschen mit chronifizierten Schmerzen auszurichten.
- Freie Schlagwörter (DE)
- emotionale Kompetenz, chronifizierter Schmerz, interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie
- Freie Schlagwörter (EN)
- emotional competence, chronic pain, interdisciplinary multimodal pain therapy
- Klassifikation (DDC)
- 610
- Klassifikation (RVK)
- YI 5704
- GutachterIn
- Prof. Dr. med. Rainer Sabatowski
- Prof. Dr. rer. medic Hendrik Berth
- Den akademischen Grad verleihende / prüfende Institution
- Technische Universität Dresden, Dresden
- Version / Begutachtungsstatus
- publizierte Version / Verlagsversion
- URN Qucosa
- urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-837943
- Veröffentlichungsdatum Qucosa
- 28.02.2023
- Dokumenttyp
- Dissertation
- Sprache des Dokumentes
- Deutsch
- Lizenz / Rechtehinweis
- Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 1 2 THEORETISCHER HINTERGRUND 2 2.1 Definition und Prävalenz chronifizierter Schmerzen 2 2.2 Definition der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie 3 2.3 Definition und Begrifflichkeit von Emotionen 5 2.4 Definition und Modelle der emotionalen Kompetenz 5 2.4.1 Weitläufige Definition 5 2.4.2 Diversivität der Modelle 6 2.4.3 Systematisierung der Modelle nach Cherniss (2010) 6 2.4.4 Das ursprüngliche Emotionale-Intelligenz-Modell nach Mayer & Salovey (1997) 6 2.4.5 Das kompetenzorientierte Modell adaptiver Emotionsregulation (Berking, 2015) 7 2.4.6 Systematisierung bisheriger Modelle nach Mikolajczak (2009) 8 2.4.7 Diversivität der Erfassungsmethoden 9 2.4.8 Festlegung der Begrifflichkeiten für diese Forschungsarbeit 10 2.5 Emotionale Kompetenz und Gesundheit 10 2.6 Emotionale Kompetenz und chronifizierte Schmerzen 12 2.6.1 Emotionen und chronifizierter Schmerz 12 2.6.2 Neurobiologische Verbindung von Emotionen und Schmerz 13 2.6.3 Bisheriger Stand der Forschung 14 2.6.4 Chronifizierter Schmerz und Emotionswahrnehmung 14 2.6.5 Chronifizierter Schmerz und Emotionsregulation 16 2.6.6 Chronifizierter Schmerz und Emotionsexpression 19 2.7 Emotionale Intelligenz und chronifizierter Schmerz 20 2.8 Grenzen bisheriger Forschung 20 2.9 Forschungsfragen und Hypothesen 22 3 METHODISCHES VORGEHEN 23 3.1 Studiendesign 23 3.2 Setting 23 3.2.1 IMST der Tagesklinik des UniversitätsSchmerzCentrum Dresden 23 3.2.2 Schmerzpsychotherapie im UniversitätsSchmerzCentrum Dresden 25 3.3 Zielgrößen und Operationalisierung 26 3.3.1 Emotionale Kompetenz 27 3.3.2 Emotionale Intelligenz 29 3.3.3 Katastrophisierung 31 3.3.4 Schmerzakzeptanz 31 3.3.5 Lebensqualität 31 3.3.6 Depressivität, Angst und Stress 32 3.3.7 Schmerzstärke und schmerzbedingte Beeinträchtigung 32 3.4 Messzeitpunkte und Zeitplan der Studie 32 3.5 Fallzahlplanung 33 3.6 Ein- und Ausschlusskriterien der Studie 34 3.7 Qualitätssicherung 35 3.8 Datenerfassung und Dokumentation 35 3.9 Datenschutz, Patient*innensicherheit und Ethik 36 3.10 Datenauswertung 36 3.10.1 Beschreibung der Stichprobe 36 3.10.2 Ursprünglich geplantes statistisches Vorgehen 43 3.10.3 Überprüfung allgemeiner Voraussetzungen 45 3.10.4 Anpassung des statistischen Vorgehens nach spezifischer Voraussetzungsprüfung 47 4 ERGEBNISSE 55 4.1 Patient*innencluster 55 4.2 Hypothese I: Emotionale Kompetenz 60 4.2.1 Emotionale-Kompetenz-Fragebogen: Selbstbeurteilung 60 4.2.2 Emotionale-Kompetenz-Fragebogen: Fremdbeurteilung 64 4.2.3 Zusammenfassung (Hypothese I) 68 4.3 Hypothese II: Zusammenhang zwischen Selbst- und Fremdbeurteilung 69 4.3.1 Gesamtstichprobe N=184 69 4.3.2 Zusammenhang auf Clusterebene 72 4.3.3 Zusammenfassung (Hypothese II) 73 4.4 Hypothese III: Emotionale Intelligenz 74 4.4.1 Analyse der MSCEIT-Tests 74 4.4.2 Zusammenfassung (Hypothese III) 77 4.5 Hypothese IV: Zusammenhang emotionale Intelligenz und Kompetenz 77 4.5.1 Betrachtung von EKF und MSCEIT 77 4.5.2 Betrachtung von SEK-ES und MSCEIT 79 4.5.3 Zusammenfassung (Hypothese IV) 81 4.6 Hypothese V: Veränderung der emotionalen Kompetenz 81 4.6.1 Überprüfung von Veränderungen mittels Signifikanztests 81 4.6.2 Betrachtung auf Gesamtskalenebene 81 4.6.3 Betrachtungen auf Subskalenebene 83 4.6.4 Betrachtung nach Personencluster aufgeschlüsselt 89 4.6.5 Vorhersage der Häufigkeit von Emotionen durch die emotionale Kompetenz 91 4.6.6 Zusammenfassung (Hypothese V) 92 4.7 Hypothese VI: Emotionale Kompetenz und Therapieergebnis der IMST 93 4.7.1 Korrelation der emotionalen Kompetenz mit dem Therapieergebnis 93 4.7.2 Korrelation der emotionalen Kompetenz und der Differenzen 94 4.7.3 Regression der Therapieergebnisvariablen 95 4.7.4 Regression der Differenzen der Therapieergebnisvariablen 99 4.7.5 Zusammenfassung (Hypothese VI) 99 4.8 Revidierte Hypothesen 101 5 DISKUSSION 102 5.1 Einordnung der Ergebnisse 102 5.1.1 Emotionale Kompetenz bei Menschen mit chronifizierten Schmerzen 102 5.1.2 Der Zusammenhang von Selbst- und Fremdbeurteilung 105 5.1.3 Emotionale Intelligenz bei Menschen mit chronifizierten Schmerzen 110 5.1.4 Der Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und Kompetenz 111 5.1.5 Veränderung der emotionalen Kompetenz während der IMST 112 5.1.6 Der Einfluss der emotionalen Kompetenz auf das Therapieergebnis 114 5.2 Methodische Limitierungen 116 5.3 Ausblick und Anregungen für zukünftige Forschungen 118 5.4 Bedeutung der Ergebnisse für die Behandlung 120 6 ZUSAMMENFASSUNG UND FAZIT 122 LITERATURVERZEICHNIS CXXIII ABBILDUNGSVERZEICHNIS CXLII TABELLENVERZEICHNIS CXLIV ANHANG CXLVI DANKSAGUNG CLXXXVI ERKLÄRUNGEN CLXXXVII