- AutorIn
- Dr. med. Katharina Sophie Eder
- Titel
- Einfluss der COVID-19-Pandemie auf die Organspendesituation in der DSO-Region Ost
- Zitierfähige Url:
- https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-1043103
- Erstveröffentlichung
- 2026
- Datum der Einreichung
- 20.11.2025
- Datum der Verteidigung
- 21.04.2026
- Abstract (DE)
- Hintergrund: In Deutschland besteht seit Jahren eine erhebliche Diskrepanz zwischen Organangebot und der Anzahl an Patient*innen, die auf ein Spenderorgan warten (Schulte et al., 2018). Mit 10,0 Spenden pro 1 Million Einwohner im Jahr 2022 zählte Deutschland zu den Ländern mit der geringsten Organspenderate in Europa (DSO, 2024b). Studien belegen, dass der Rückgang der durchgeführten Organspenden, von 2010 bis 2015, nicht auf mangelnde Spenderbereitschaft zurückzuführen sei, sondern als Folge einer unzureichenden Erkennung von Patient*innen mit einem potenziellen irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA) zu erklären ist (Schulte et al., 2018). Die COVID-19-Pandemie hat das bereits fragile System zusätzlich belastet. Studienziele und Datengrundlage: Das Ziel der retrospektiven Sekundärdatenanalyse war es, Auswirkungen der Pandemie auf den Ablauf des Organspendeprozesses in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu untersuchen. Der Fokus lag dabei insbesondere auf der Diagnostik eines IHA, als Voraussetzung für die postmortale Organspende, sowie auf der Analyse innerklinischer Prozessabläufe. Anhand des Datensatzes der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) „Transplantcheck“, wurden retrospektiv Daten von insgesamt 136 Krankenhäusern aus der DSO Region Ost ausgewertet. Dazu wurden Qualitätsindikatoren untersucht, die für die Erkennung von möglichen Organspender*innen relevant sind. Die Zielgrößen wurden für den Zeitraum der COVID-19-Pandemie (02/2020-12/2022) erhoben und mit den analysierten Häufigkeiten des Präpandemie-Zeitraums (01/2019-02/2020) verglichen. Weiterhin wurden die Phasen der Pandemie anhand der derzeit dominierenden SARS-CoV-2-Variante eingeteilt. Zusätzlich erfolgte eine detaillierte Analyse am Universitätsklinikum Dresden um Rückschlüsse auf potenzielle Veränderungen der Fallzahlen, sowie des Case Mix Index (CMI) und des Patient Clinical Complexity Level (PCCL) zu ziehen. Die krankenhausinterne Analyse schloss den Zeitraum 01/2016-12/2019 (Prä-Pandemie) und 01/2020-12/2023 (Pandemie) ein und erfasste anonymisierte Daten stationär behandelter Patient*innen mit einer bestehenden primären und/oder sekundären Hirnschädigung. Methodik: Um den Zusammenhang zwischen COVID-19-Inzidenzen und den primären Studienendpunkten zu erörtern, wurden logistische generalisierte lineare Mehrebenenmodelle (GLMM), sowie generalisierte additive gemischte Modelle (GLAMM) eingesetzt. Dabei wurden Alter, Geschlecht, neurologische Vorerkrankungen und die bundeslandspezifische COVID-19- Erstimpfrate als Kontrollvariablen berücksichtigt. Kontinuierliche Variablen wurden durch den Median sowie das 1. und 3. Quartil beschrieben. Kategoriale Variablen stellten absolute und relative Häufigkeiten, sowie deren 95%-Konfidenzintervalle (95%-KI) dar. Die COVID-19- Inzidenz wurde logarithmiert zur Basis 2, um adjustierte Odds Ratios interpretierbar zu machen und gesonderte Modelle für die unterschiedlichen Phasen der Pandemie zu berechnen. Als Sensitivitätsanalyse kamen GLAMM zum Einsatz, um nichtlineare Zusammenhänge mittels penalisierter Splines abzubilden. Für die Beantwortung der sekundären Studienziele, wurden mithilfe der innerhospitalen Controllingabfrage am Universitätsklinikum Dresden, Patientendaten erfasst. Mittels Interrupted Time Series (ITS) und ARIMA-Modellen, wurden Veränderungen der Fallzahlen, des CMI und des PCCL im Verlauf der Pandemie ausgewertet. Um eine Vergleichbarkeit über die Jahre hinweg zu erzielen, insbesondere im Hinblick auf strukturelle Veränderungen im DRG-System (Diagnosis Related Groups), wurde neben dem jahresspezifischen Relativgewicht (DRGCWeff), eine normierte DRG-Grouper-Version (DRGCWsim) verwendet. Ergebnisse: In der Sekundärdatenanalyse zeigte sich eine inverse Korrelation zwischen der regionalen COVID-19-7-Tage-Inzidenz und der Anzahl durchgeführter Organspenden, sowie den Kontaktaufnahmen zur DSO und der IHA-Diagnostik. Dies deutet darauf hin, dass pandemiebedingte Belastungen des Gesundheitssystems negative Auswirkungen auf die frühzeitige Erkennung potenzieller Organspender*innen hatten. Die Realisationsquote von postmortalen Organspenden reduzierte sich allerdings nicht erheblich. Der Rückgang während der Pandemie betrug im Vergleich zur Vorpandemiezeit lediglich 0,2%. Daraus lässt sich schließen, dass nach erkanntem IHA keine Schwierigkeiten im weiteren Prozess der postmortalen Organspende bestehen. Besonders deutlich wurde diese Korrelation in den frühen Pandemiephasen, in der der Wildtyp und die Alpha-Variante vorherrschend waren. Hier bestand ein signifikanter Zusammenhang zwischen steigenden COVID-19-Inzidenzen und ruckläufiger IHA-Diagnostik. In späteren Pandemiephasen kam es zu keinem statistisch signifikanten Zusammenhang mehr, was auf eine zunehmende Anpassungsfähigkeit des Gesundheitssystems hindeutet. Die Datenerhebung am Universitätsklinikum Dresden ergab, dass die Anzahl stationär aufgenommener Patient*innen mit diagnostizierter Hirnschädigung während des Präpandemie- und Pandemiezeitraums vergleichbar war. Auffällig war, dass die Zahl intensivpflichtiger, beatmeter Patient*innen mit schwersten Hirnschädigungen zu Beginn der Pandemie zurückging und das berechnete Prädiktionsintervall unterschritt. Weitergehend wurde der Case Mix Index untersucht, der bei Intensivpatient*innen ab Ende 2021 sank, was eine Reduktion der Fallzahlen mit komplexeren Diagnosen beschreibt. Einen ähnlichen Trend zeigte der Verlauf des PCCL-Wertes derselben Population, welcher anhand der Nebendiagnosen und Komplikationen eines Falles erhoben wird. Auch hier war ab Ende 2020 ein kontinuierlicher Rückgang zu beobachten. Insgesamt zeigte sich eine leichte, aber nicht signifikant belastbare Verschiebung im Patientenprofil auf Intensivstationen. Schlussfolgerung: Schlussfolgernd lässt sich feststellen, dass in Deutschland fortwährend eine hohe Rate potenziell nicht-erkannter IHA-Fälle vorliegt. Die beiden Hauptgründe dafür scheinen Defizite in der frühzeitigen Erkennung eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalls und zusätzliche Systemmängel in deutschen Krankenhäusern zu sein, die in Ausnahmesituationen, wie der COVID-19-Pandemie, noch verschärft werden. Die Sekundärdatenanalyse zu den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie untersuchte erstmalig innerklinische, organisatorische Abläufe in deutschen Kliniken. Die Ergebnisse zeigten, dass es insbesondere in der Anfangsphase der Pandemie Schwierigkeiten gab, auf die neuen Herausforderungen zu reagieren. Anhand der fehlenden Signifikanz in späteren Pandemiephasen, wurde ersichtlich, dass sich das deutsche Gesundheitssystem zunehmend stabilisierte und anpassungsfähig zu sein scheint. Die ergänzende Analyse der Daten aus dem Universitätsklinikum Dresden schafft einen Ansatz, um die Kausalität der Defizite im Organspendeprozess aufzuarbeiten. Während die Fallzahlen von Patient*innen mit kodierter Hirnschädigung gleichbleibend waren, zeigten sich Veränderungen im Patientenprofil auf Intensivstationen, bezogen auf die Fallkomplexität. Die teilweise sehr breiten Prädiktionsintervalle und die nur leichten Abweichungen der Vorhersagewerte lassen allerdings nicht das Verfassen von signifikanten und robusten Thesen zu. Es ist wichtig, bestehende Mängel im Organspendeprozess zu erörtern, um eine verbesserte Resilienz in zukünftigen Krisensituationen zu schaffen. Effektive Meldeprozesse sind notwendig, um die Kommunikation zwischen Entnahmekrankenhäusern und der DSO zu verbessern und einen langfristig optimierten Ablauf der IHA-Diagnostik sicherzustellen.
- Verweis
- Impact of the COVID-19 pandemic on brain death detection in German hospitals: a state-wide analysis of health data
DOI: 10.1186/s42466-025-00368-1 - Freie Schlagwörter (DE)
- COVID-19, Pandemie, IHA, Hirntoddiagnostik
- Freie Schlagwörter (EN)
- COVID-19, pandemic, IHA, brain death diagnosis
- Klassifikation (DDC)
- 610
- Klassifikation (RVK)
- YD 8604
- PJ 2320
- GutachterIn
- Prof. Dr. Kristian Barlinn
- Prof. Dr. Peter Markus Spieth
- Den akademischen Grad verleihende / prüfende Institution
- Technische Universität Dresden, Dresden
- Version / Begutachtungsstatus
- publizierte Version / Verlagsversion
- URN Qucosa
- urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-1043103
- Veröffentlichungsdatum Qucosa
- 09.06.2026
- Dokumenttyp
- Dissertation
- Sprache des Dokumentes
- Deutsch
- Lizenz / Rechtehinweis
CC BY 4.0- Inhaltsverzeichnis
1. Abkürzungsverzeichnis 5 2. Abbildungsverzeichnis 7 3. Einleitung 9 3.1. Hintergrund und Stand der Forschung 9 3.1.1. Organspendesituation in Deutschland 9 3.1.2. Rechtliche Grundlagen zur Organtransplantation 9 3.1.3. Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser 10 3.1.4. Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls 13 3.1.5. COVID-19-Pandemie 16 3.1.5.1. Virologische Basisdaten 16 3.1.5.2. Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Versorgung von Krankenhauspatient*innen 17 4. Studienziele und Zielgrößen 19 4.1. Primäres Studienziel 19 4.2. Sekundäre Studienziele 20 4.3. Hypothesen 21 5. Arbeitsplan und Methodik 22 5.1. Ethikvotum 22 5.2. Datengrundlage 22 5.2.1. DSO TransplantCheck 22 5.2.2. Datenabfrage am Universitätsklinikum Dresden 24 5.3. Methodik 26 6. Ergebnisse 29 7. Regressionsanalyse 33 7.1. Regressionsanalyse nach Pandemiephase 33 7.2. Regressions-Splines 34 7.3. UKD-interne Analyse 39 8. Diskussion 46 9. Schlussfolgerung und Ausblick 52 10. Literaturverzeichnis 53 11. Publikationsverzeichnis 59 12. Danksagung 60 13. Zusammenfassung 61 14. Summary 64 Anlagen: Anlage 1: Erklärung zur Eröffnung des Promotionsverfahrens Anlage 2: Bestätigung über Einhaltung der aktuellen gesetzlichen Vorgaben